LRS-Förderunterricht am PGN

Laut neuester Erkenntnisse gibt es bei  Legasthenie keine automatische Verbesserung mit dem Alter; im Gegenteil:  der Abstand zu den vergleichbaren Schülergruppen nimmt sogar noch zu. Dabei verbleibt die Störung umso stabiler, je schwerer das Kind betroffen ist (Küspert, 2011)

Der  schulische Förderunterricht stellt somit eine notwendige Hilfe und Ergänzung zum Fachunterricht dar, wenn er auf eine integrative Förderung abzielt. Gemeint ist damit, dass der Unterricht sowohl an den Rechtschreibfertigkeiten ansetzt, als auch die Basisfertigkeiten wie visuelle und auditive Wahrnehmung mit trainiert. Daneben gilt es auch, die Aufmerksamkeitsspanne und –intensität zu erhöhen und der Ablenkbarkeit entgegenzuwirken. Andererseits muss LRS-Förderung von der Legasthenietherapie abgegrenzt werden, die als Einzeltherapie und Eingliederungshilfe in den sozialen Kontext konzipiert ist, d.h. diese kümmert sich einerseits  um die Förderung schulischer Fertigkeiten, zusätzlich aber auch besonders um die Abwendung neurotischer Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen, die von der Teilleistunsstörung herrühren wie z.B. Prüfungsängstlichkeit, Misserfolgsorientierung oder gar Schulverweigerung.

Psychologische Begründung einer Lese-Rechtschreibförderung

Ein Kind mit einer spezifischen Störung erkennt nämlich ziemlich bald, dass es schulisch zu scheitern droht. Dr. Dummer-Smoch, wissenschaftliche Beirätin beim Elternverband für Legasthenie, sagt 1993 treffend: " Schlimmer noch sind die psychischen Belastungen einer scheiternden Schulkarriere für das Kind ... und es liegt in der Verantwortung der Schulbehörde ...dass alle notwendigen Förderungen auch wirklich stattfinden." Unter psychischen Belastungen versteht Dr. Dummer-Smoch die gehäuften Misserfolge, die zu einer negativen Selbsteischätzung und schließlich zu einem negativen Selbstkonzept führen. Diese Misserfolgsorientierung kann die gesamte Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigen:

  • durch körperliche Störungen wie Kopfschmerzen, Bauchweh und Übelkeit
  • durch Verlust von Ansehen und Zuwendung
  • durch Leistungsrückgang bis zum völligen Schulversagen
  • durch Belastungen der Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern
  • durch verminderte Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten.

Je positiver das Selbstkonzept eines Kindes ausfällt, desto motivierter ist es und desto mehr kann es leisten oder sogar über sich hinauswachsen. So kann möglicherweise ein Kind, das über eine gute Begabungsgrundlage verfügt, die Grundschule zunächst problemlos durchlaufen und erst nach dem Schulwechsel in eine höhere Schule auffällig werden. Hier ist es wichtig, dass die Lehrer vorschnelle Urteile, wie „der Schüler ist faul/dumm“ zurückstellen, sondern vorerst beobachten, warum ein Schüler vielleicht seine Hausaufgaben vernachlässigt, oder warum er gerade in Englisch und Latein so schlecht ist.

Grundlage für die Zuordnung der Kinder zum Förderunterricht ist eine fachliche Diagnostik, die herausarbeitet, ob die Kinder entweder an der vorübergehenden Lese-Rechtschreibschwäche oder der dauerhaften  Lese-Rechtschreibstörung leiden.

Neuregelungen seit dem Schuljahr 2016/2017

In der neuen Bayerischen Schulordnung wurde mit dem Schuljahr 2016/17 der Umgang mit Legasthenie und Lese-Rechtschreib-Schwäche neu geregelt (§§ 31 – 36).  Hier ist eine knappe Übersicht:

1.   Die Unterscheidung zwischen Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie ist abgeschafft. Es gibt nur noch folgende drei Erscheinungsformen:

  • Kombinierte Lese-Rechtschreib-Störung
  • Isolierte Rechtschreib-Störung
  • Isolierte Lesestörung​​ 

​2. ​​  Die Testung erfolgt durch die Schulpsychologin, Frau Binder, einen Facharzt (Kinder- und Jugendpsychiater) oder einen approbierten Psychologen. (meist an einer Erziehungsberatungsstelle)

Bei Vorliegen einer der Störungen werden die konkreten Maßnahmen (Nachteilsausgleich, Notenschutz), individuell je nach Bedarf besprochen und festgelegt. Die zeitliche Begrenzung bleibt allerdings bestehen, so dass nach einer Frist von einigen Jahren eine erneute Testung notwendig wird.

3.   Eltern von Kindern mit einer Art der Rechtschreib-Störung (kombiniert oder isoliert) haben damit die Möglichkeit, den Nachteilsausgleich und den Notenschutz zu beantragen, können sich aber auch für die ausschließliche Variante „Nachteilsausgleich“ entscheiden.

Beide Maßnahmen der Schule sind zeitlich begrenzt; die Notwendigkeit muss dann nochmals überprüft werden.

Kinder mit einer isolierten Lesestörung können nur den Nachteilsausgleich (Zeitverlängerung und ggf. Vorlesen der Aufgabenstellung) erhalten.

4.   Notenschutz bedeutet, dass die Rechtschreibung in keinem Fach gewertet wird, und in den Fremdsprachen der mündliche Anteil je nach Bedarf des Kindes stärker gewichtet werden kann.

Letzteres gilt nicht für das Abitur.

Die Art und Weise, wie der Notenschutz gewährt wurde, wird im Zeugnis vermerkt.

5.   Eltern, die auf den Notenschutz verzichten wollen, müssen das unverzüglich der Schule mitteilen. Ein solcher Verzicht kann für ein neues Schuljahr nur bis spätestens zum Ende der ersten Schulwoche erfolgen.

Da Sie als Eltern gemeinsam mit Ihren Kindern am Ende der 9. Klasse ohnehin die Entscheidung treffen müssen, ob Ihr Sohn/Ihre Tochter den Notenschutz und Nachteilsausgleich weiterhin erhalten soll, rät die Schulpsychologie zu einer erneuten Untersuchung Mitte der neunten Klasse.

Das Prinzip der Passung

Die subjektiven Leistungsvoraussetzungen werden erst dann als Störungen sichtbar, wenn sie den schulischen Anforderungen nicht genügen, wenn beides nicht zusammenpasst. Mit anderen Worten: Nicht nur das Kind hat eine Störung, die behandelt werden muss, sondern die Schule muss auch die Angemessenheit ihrer Anforderungen überdenken. Palmowski drückt das in seinem Buch "Der Anstoß des Steines" (1996) folgendermaßen aus:

Eine Verhaltensstörung beim Kind ist nicht denkbar ohne eine gleichzeitige Erwartungsstörung beim Lehrer.

Die Schule hat also die Aufgabe, über Maßnahmen der inneren Differenzierung oder andere Möglichkeiten, wie etwa den Förderunterricht, sich den Lernvoraussetzungen eines normalbegabten Legasthenikers anzupassen.

Förderung der schulischen Fertigkeiten

Rechtschreibung

Neueste Untersuchungen ergaben, dass man Lesen und Schreiben eben durch Lesen und Schreiben erlernt, so banal das klingen mag, aber die Quintessenz daraus ist, das andere Trainings nur als flankierende Maßnahmen gesehen werden dürfen. Es gibt gut qualifizierte ausführliche Basisprogramme für unterschiedliche Altersstufen, an denen sich oft neuere und kürzere Trainings orientieren. Programme sind dann besonders geeignet, wenn sie den Kindern Strategien zum Umgang mit der Rechtschreibung vermitteln und nicht am jeweiligen Wortschatz arbeiten. Die Übungsprozesse sollen dabei systematisch aufeinander aufbauen, die Konzepte sich an den Stufen des Schriftspracherwerbs orientieren.

Strategien

Strategien werden zunächst unterschieden in

  • alphabetische Strategien, wozu die phonologische Bewusstheit (Silbieren, Arbeit mit lautgetreuem Wortmaterial, Reimen) und das Erlernen der Pilotsprache zählt, die u.a.
    • im Kieler Lese- und Rechtschreibaufbau von Dr. Dummer-Smoch u.a.
    • im Programm von Reuter

                      ausführlich behandelt wird.

Gezielte kürzere Übungsprogramme auf dieser Grundlage finden sie bei Rinderle (Fit trotz LRS mit Harry und Tess) oder gerade für ältere Schüler bei Ivansky (Rechtschreiben o.k.-  trotz LRS) und viele mehr.

  • orthographische Strategien mit einem Regeltraining, wie sie für die Arbeit mit Doppelkonsonanten oder dem stummen –h- oder der Unterscheidung der 3 verschiedenen s-Schreibungen ( orthographische Fehler) sehr sinnvoll ist. Dies wird u.a. in Programmen von
    • Müller, Gehirngerechtes Rechtschreibtraining
    • Marburger Rechtschreibtraining von Schulte-Körne (siehe oben)
    • Hollbach, „Verkehrt ist doof.“ 

                      ausführlich dargestellt.

  • morphematische Strategie, der Arbeit mit Wortbausteinen bzw. dem Wortstamm mit Präfixen und Suffixen
    • Kleinmann, Die Wortbaustelle

Daneben kann mit den bevorzugten Sinneskanälen (vorher Lerntypentestung  über NLP o.ä.) gearbeitet werden wie z.B. das Visualisieren eines Wortbildes, das gerade auch im Fremdsprachenunterricht Anwendung finden kann oder ein auditives Training zur Unterscheidung langer und kurzer Vokale nach Fackelmann

Die Spiegelungsproblematik, z.B. die Verwechslung von b und d ist am sinnvollsten über ein visuelles Wahrnehmungstraining abzubauen, wie es auch für den Aufbau der Lesefertigkeit genutzt wird.

Fremdsprache (hier Englisch)

Nachdem die Legasthenie ein sprachliches Problem darstellt, kann sie auch in der Fremdsprache auftreten. Oft reichen die Probleme hier über die reine Rechtschreibung hinaus und  in den grammatischen Bereich hinein, z.B. bei Apostrophen, Kurzschreibungen, den unregelmäßgen Verben oder schlichtweg dem Satzbau. Eine Therapie der Fremdsprachenlegasthenie ist demnach sehr vielfältig. Auch hier wurden bereits nach einer Beobachtungsphase Programme entwickelt. Eine schulische Förderung von Schülern mit einer Fremdsprachenlegasthenie ist ebenfalls sinnvoll.

  • Das Buch von Katrin Sellin, Wenn Kinder mit Legasthenie Fremdsprachen lernen, beschreibt zunächst die Allgemeinen Schwierigkeiten und bietet eine ausführliche Fehleranalyse. (Folie)
  • Eine sehr praxisorientierte Reihe, mit der die Schüler durchaus selbständig arbeiten können, heißt „Durchstarten in Englisch“ aus dem Veritas-Verlag. Es gibt sie ab der 5. Schulstufe.
  • In Gisala Zanders Buch „LRS-Förderung im Englischunterricht findet man gute Tipps v.a. zur Stofforganisation, wie etwa der Anordnung der unregelmäßigen Verben nach der Ähnlichkeit der Vergangenheitsbildung oder der Aufbereitung  der Grammatik
  • Günther Nieberle konzentriert sich in seinem Buch und Programm ausschließlich auf die Rechtschreibung und hat Übungsmaterial zu langen, kurzen Vikalen sowie Diphtongen erarbeitet.
  • Ein anderes Verständnis im Umgang mit den Zeiten möchte Ewa Zachara über die Visualisierungsmethode schaffen.
  • Jane  Brockmann-Fairchild wird bis Herbst 2012 ebenfalls Fördermaterial für legasthene Schüler veröffentlichen.

Lesen

Eine Lesestörung, die auch isoliert vorkommen kann, kann die Leistungen eines Kindes noch gravierender beeinträchtigen als Rechtschreibprobleme, da sie sich in allen Schulfächern negativ auswirkt und der Lehrer das tatsächliche Leistungsvermögen dadurch schlecht beurteilen kann.

Der Leselernprozess verläuft wie auch der Rechtschreibprozess über die alphabetischen Strategien wie Lesegenauigkeit, das Erlesen von Pseudowörtern und ungeübten Texten und die orthographischen Strategien wie Leseflüssigkeit und das schnelle Erlesen häufiger Buchstabenkombinationen. Die Verwendung von Silbenbögen aus der Pilotsprache unterstützt auch das Zusammenlesen von Konsonant-Vokal-Einheiten.

Die Grundlagen für ein Lesetraining sind die visuelle Wahrnehmung. Häufig ist die Wahrnehmungsrichtung (serielle Wahrnehmung) beeinträchtigt. Deswegen gibt es dazu aus den verschiedensten Bereichen (Medizin, Kinesiologie) entsprechende Augenübungen, die z.B. die Saccaden (Augenrucke) reduzieren oder die Figur-Grund-Wahrnehmung trainieren sollen. Aber es gibt auch visuelle Trainingsprogramme – grundlegend ist hierbei das Material von Marianne Frostig, die als Papier-Bleistift-Übungen konzipiert sind.

Bei einem gestörten Lesefluss eignen sich Atem- und Stimmübungen.

Letztlich ist gerade das Training von sinnentnehmendem Lesen notwendig, um den Schüler zum Problem lösenden Denken hinzuführen. Diese Notwendigkeit wurde gerade durch die PISA-Studien deutlich. Hier eignen sich die Lesespur-Abenteuer-Hefte aus dem Heinevetter-Verlag besonders gut. Mit ihren kurzen Texteinheiten sind sie bei Schülern sehr beliebt.

Generell ist für den Leseerfolg auch ein Erkennen des Nutzens bzw. des Vorteils von Lesen können zu erarbeiten, d.h. eine  - wenn auch minimale – Lesefreude durch entsprechende Inhalte zu entwickeln.

Computerprogramme

Elter können die Angebote des schulischen Förderunterrichts durch Computerprogramme erweitern.  In einem begrenzten Umfang  ist auch die Arbeit mit dem Computer sinnvoll, um dort Lernkarteien auch in der Fremdsprache selbst zu erstellen oder mit bereits vorhandenen Rechtschreibprogrammen zu arbeiten. Diese Computerarbeit kann ein Schüler besonders gut selbständig zu Hause leisten, da die Arbeit sehr motivierend ist.

Gute vielfältige Programme bieten u.a.

  • Eugen Traeger Verlag (www.etverlag.de)
  • Phase 6 : die Umstzung des Lernkarteiprinzips auf den PC (www.phase6.de)
  • Celeco von Werth
  • Medienwerkstatt Mühlacker (www.medienwerkstatt.de)
  • Cornelsen Verlag (cornelsen.de)
  • GuT:  Grund- und Transfertraining 1 und 2
  • Kostenfrei ist das Internetprogramm ‚Tintenklex‘ und legakids.net

Die Notwendige und –wendende Zusammenarbeit aller betroffenen Systeme

Erfahrungsgemäß können in der Legasthenietherapie dann die größten Erfolge erzielt werden, wenn alle an de Erziehung oder Sozialisation beteiligten Personen zusammenarbeiten.

Die Methoden, Inhalte oder Erkenntnisse der Legasthenieforschung ( Ise, 2012, vorgestellt von Schulte-Körne, 2011) sollten im Unterricht, zumindest aber in der Förderung, Beachtung finden. Andererseits können die Lehrerbeobachtungen in den Förderunterricht einfließen. Der betroffene Schüler fühlt sich in seinem schwierigen Situation dann ebenfalls besser verstanden und wichtig.

Bezüglich der Kooperation zwischen Lehrer und Eltern könnte der Schulpsychologe entsprechend dem Hilfeplangespräch des Jugendamtes in bestimmten Abständen einen ‚runden Tisch‘ einräumen, um ein gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg hat dabei die enge Zusammenarbeit aller mit dem Kind beschäftigten Parteien wie Elternhaus, Klassenlehrer, Förderlehrer (wenn nicht identisch) und außerschulischem Therapeut ohne gegenseitiges Misstrauen oder gar Ablehnung. Dabei geht es immer um Kooperation, nicht um Konfrontation!

Sinnvolles Konzept für die Ganztagsschule unter Einbeziehung der Lerntherapeuten

  • Möglichkeit der Einzeltherapie während der Schulzeit
  • LRS-Förderunterricht (Klassen- und Jahrgangsstufen übergreifend)
  • Präventive Gruppenarbeit  (siehe oben)
  • Fremdsprachenförderung
  • Lehrerfortbildung

Der an den Schulen notwendige Förderunterricht wird aus Kostengründen oft von normalen Lehrern ohne Zusatzqualifikation erteilt. Er muss sogar zugunsten des normalen Unterrichtsbetriebes bei einem Ausfall aufgegeben werden.

Deswegen wäre es durchaus sinnvoll – gerade wenn an das Konzept für eine Ganztagesschule gedacht wird – Lerntherapeuten oder Schulpsychologen mit Zusatzqualifikation als dauerhafte Mitarbeiter in die Einzel- oder Gruppenförderung einzuplanen.

Eine derartige Fachperson könnte zusätzlich auch Fortbildungen und/oder Supervisionsgruppen für Lehrer anbieten, evtl auch schulübergreifend und sogar schulartübergreifend.

Dieses Konzept könnte als integrative Maßnahme auch mit einer Mischfinanzierung durch die Schule (Regierung, Elternbeirat) und Stadt (Jugendamt) verwirklicht werden, da die betroffenen Schüler, die eine Ganztagesschule besuchen, wenig zeitliche und energetische Kapazität  zum eigentlich notwendigen Besuch einer Einzeltherapie in einer Praxis haben.