„Ganz Theater“ - Theater an Ganztagsschulen

„Der (…) Ausbau von Ganztagsschulen (…) stellt einen wesentlichen Beitrag zur zukunftsorientierten Weiterentwicklung des bayerischen Bildungswesens dar, der mehr individuelle Förderung, mehr Chancengerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler (…) ermöglicht. Bayern reagiert damit sowohl auf gesellschaftspolitische als auch auf bildungspolitisch-pädagogische Herausforderungen.“ (ISB Handreichung Gebundene Ganztagsschule)

Vor diesem Hintergrund bietet das Pirckheimer-Gymnasium nun schon seit dem Schuljahr 2010/2011 Ganztagesklassen in den Jahrgangsstufen 5 mit 7 an. Mit dem Theater-Modell reagiert das Pirckheimer-Gymnasium nun auf seine Erfahrungen und die Herausforderungen im Ganztagsbetrieb. Das Theater-Modell betont die Akzentuierung der Schule auf einen ganzheitlichen Bildungsbegriff, dem gerade Ganztagsschulen in besonderer Weise verpflichtet sind.

Wenige Felder sind zur Förderung von ganzheitlicher Bildung so geeignet wie das Theater. Es dient der ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung der Schüler, indem es gleichermaßen seine rationalen wie emotionalen, intellektuellen wie kreativen, physischen wie ästhetischen, individuellen wie sozialen Fähigkeiten fördert.

Der besondere Stellenwert des Theaters für Ganztagsschulen zeigt sich gerade in seiner physischen, ästhetischen und sozialen Dimension. Die Entwicklung zur Ganztagsschule heißt, „Schule als Lebenswelt“ zu entwickeln, denn in der ganztägigen Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler steckt eine große Chance: (Einzel-)Kinder haben Gelegenheit, in vielfältiger Form Gemeinschaft zu erfahren und sinnvoll Freizeit zu gestalten. Das Theater als soziale Kunstform bietet hier von den ersten Gruppenfindungsphasen bis hin zur gemeinsamen Aufführung zahlreiche Möglichkeiten sich selbst und in der Begegnung mit anderen in einer Gemeinschaft zu erleben. Damit Theater gelingen kann, benötigt es eine strikte Aufgabenorientierung und damit eine Fülle unterschiedlichster Fähigkeiten und Fertigkeiten, wie z.B. Verlässlichkeit, Empathie, Selbstdisziplin und Kritikfähigkeit, die hier in der Gemeinschaft gleichsam nebenbei erworben werden und erworben werden müssen. Alleine lässt sich kein Theater gestalten; neben Eigeninitiative erfordert das Spiel in und mit der Gruppe auch den Willen zur Mitgestaltung und Mitverantwortung.

Ganztagsschule bedeutet auch, dass die Schulen mehr als bisher zum Lebensraum der Kinder werden, und deswegen auch an die zeitliche und inhaltliche Struktur des Schulbetriebs unter biologischen und lernpsychologischen Aspekten hohe Anforderungen gestellt werden. Theater als ein zwischenleibliches Geschehen kann in diesem Zusammenhang ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Rhythmisierung der Stundentafel leisten. Wie in keinem anderen Feld bekommt die Leiblichkeit im Theater besondere Aufmerksamkeit. Die Spieler nutzen ihren Leib als Werkzeugleib, als Sinnenleib, als Erscheinungsleib, als Sozialleib und als Symbolleib, also als Instrument der Handlung, der Wahrnehmung, des Ausdrucks, der Beziehung und der Bezeichnung. Ganzheitliche Bildung im Lebensraum Schule bedeutet hier auch einen Wechsel von rein kognitiv ausgerichteten Lernformen. Guter Theaterunterricht ist dabei selbst schon „rhythmisiert“: damit ist der Wechsel von Anstrengung und Erholung, Bewegung und Ruhe, kognitiven und praktischen Arbeitsphasen, Aufnehmen und Besinnen, gelenktem Arbeiten und Selbsttätigkeit, Konzentration und Zerstreuung und individuellem Arbeiten und Arbeiten in der Gruppe gemeint.

Neben den zeitlichen und organisatorischen Möglichkeiten, eröffnen sich mit dem Ausbau von Ganztagsschulen vor allem inhaltliche Gestaltungsräume, die in der klassischen Vormittagsschule oftmals keinen angemessenen Platz fanden. Theater gehört wie Kunst und Musik zu den Fächern, die einen ästhetisch-expressiven Modus der Weltbegegnung ermöglichen, und ist ein wesentlicher Teil unserer Kultur. Damit gehört es zum Kernbereich der ästhetischen Bildung im Gymnasium.

Auch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus bietet den Bereich der kulturellen Bildung als mögliche Schwerpunktsetzung im Rahmen des gebundenen Ganztageskonzepts an. Das Theater kann dabei eine herausragende Rolle spielen. Mit dem Spiel mit Fiktionen und den Möglichkeiten aus inszenatorischer, performativer und semiotischer Ebene eröffnen sich höchst komplexe Erfahrungs- und Bildungsmöglichkeiten, die nur im Theater gewonnen werden können. Theater „ist Auseinandersetzung (wahrnehmend und gestaltend) des Subjekts mit sich selbst im Medium der Kunst.“ (Ulrike Hentschel, Theaterspielen als ästhetische Bildung.) Theater bietet Heranwachsenden die Möglichkeit, sich selbst ausprobieren und zu einer eigenen Deutung der Welt gelangen. Als „unreine“ Kunstform integriert Theater Sprache, Musik, bildende Kunst, Medien, Sport, Tanz und vieles mehr.

Die Potenziale des Theaters treffen damit wesentliche Zielsetzungen, die mit dem Ausbau von Ganztagsschulen verbunden werden. Mit der Integration von Theater in den Stundenplan von Ganztagsschulen ist den Schulen die Möglichkeit gegeben den ganzheitlichen Bildungsauftrag des Gymnasiums auf die gesellschaftspolitischen als auch auf bildungspolitisch-pädagogische Herausforderungen anzupassen.

„Ganz Theater“ – Das Modell Pirckheimer-Gymnasium Nürnberg

Mit dem Theater-Modell „Ganz Theater“ möchte das Pirckheimer-Gymnasium sein ohnehin breit gefächertes Angebot im Bereich Theater noch um eine entscheidende Komponente erweitern. In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Lehrstuhl für Pädagogik II) und der Akademie für Schultheater und Theaterpädagogik Nürnberg, sowie mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus (Initiative zur Qualitätssicherung und –entwicklung) wurde ein Modell entwickelt, das es möglich macht, in der Sekundarstufe II durchgängig qualifizierten Unterricht im Fach Theater zu erhalten, d.h. von der 5. bis zur 12. Jahrgangsstufe kann ab dem Schuljahr 2012/2013 Theater gespielt werden. Dieses Projekt ist in ganz Bayern einmalig!

Theater-Modell „Ganz Theater“

gebundene Ganztagesklassen

in den Jahrgangsstufen 5-7

reguläre Klassen

in den Jahrgangsstufen 5-7

2 Wochenstunden Theater im Rahmen des Ganztagesangebots (Klassenverband)

zusätzliches Angebot zum regulären Unterricht: Theater als Wahlfach

(freiwillige Arbeitsgemeinschaft)

Theater in der Mittelstufe (Jahrgangsstufen 8-10)

zusätzliches Angebot zum regulären Unterricht: Theater als Wahlfach

(freiwillige Arbeitsgemeinschaft)

Theater in der Qualifikationsstufe (Jahrgangsstufen 11 und 12)

Theater als Wahlprofilfach

(im Rahmen der geforderten Mindeststundenzahl zur Profilbildung;

die Ergebnisse können in das Abiturzeugnis eingebracht werden)

Theater als Thema in einem P-Seminar

(im Rahmen der geforderten Mindeststundenzahl zur Profilbildung;

die Ergebnisse sind Bestandteil des Abiturzeugnisses)

Theater als Thema in einem W-Seminar

(im Rahmen der geforderten Mindeststundenzahl zur Profilbildung;

die Ergebnisse sind Bestandteil des Abiturzeugnisses)

Im Rahmen eines ausgewogenen Ganztageskonzepts setzt das Pirckheimer-Gymnasium einen deutlichen Akzent auf das Theater. 
Im gebundenen Ganztag ist Theater Teil des regulären Unterrichtsprogramms, d.h. Pflichtunterricht und wird dementsprechend in den rhythmisierten Stundenplan fest eingebaut (z.B. vormittags zwischen einer Doppelstunde Deutsch und einer Doppelstunde Mathematik. Nur auf diesem Wege können die Potentiale des Faches komplett ausgeschöpft werden.
Theater ist nicht gedacht als Beschäftigungsmaßnahme am Nachmittag, sondern soll im Sinne eines ganzheitlichen Bildungsansatzes und der Rhythmisierung z.B. für einen Wechsel zwischen kognitiven und praktischen Arbeitsphasen, Aufnehmen und Besinnen, gelenktem Arbeiten und Selbsttätigkeit sorgen. Davon profitiert dann auch der Theaterunterricht.

Dabei wird mit anderen Institutionen, Fächern bzw. Angeboten zusammen gearbeitet:

  • Stärkung der Sozialkompetenzen (Sozialpädagogen, Schulpsychologen): Sozialpädagogen und Schulpsychologen sind fester Bestandteil des Personals im gebundenen Ganztag. Deren Arbeit kann auf den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler aus dem Theaterunterricht aufbauen bzw. die eigene Arbeit vertiefen. Verhaltensauffällige Schüler können somit besser in die Klassengemeinschaft integriert oder Schüler mit motorischen Problemen individuell gefördert werden.
  • Sprachförderung für Schüler mit Migrationshintergrund (Zusammenarbeit mit dem Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht): Der Austausch über ästhetische Fragestellungen erweitert den Wortschatz und die Ausdrucks- und die Reflexionsfähigkeit der Kinder. Die Fähigkeit abstrakte Vorgänge zu verbalisieren wird gefördert. Davon profitiert auch der Deutsch- und Fremdsprachenunterricht. Umgekehrt kann der Theaterunterricht auf den Grundlagen des Sprachenunterrichts aufbauen. Absprachen hinsichtlich bestimmter Themen sind jederzeit möglich.
  • Zusammenarbeit mit externen Partnern (Staatstheater Nürnberg, Gostner Hoftheater, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Akademie für Schultheater und Theaterpädagogik Nürnberg usw.): Die professionellen Theater bieten nicht nur die Möglichkeit zu Aufführungsbesuchen und Auftrittsgelegenheiten, sondern stellen mit ihren theaterpädagogischen Angeboten auch eine wichtige Ergänzung zum Unterricht dar. Die Palette reicht dabei von Theaterführungen bis zu gezielten Stückvorbereitungen oder Gesprächen mit Schauspielern / Regisseuren usw. Zudem treten die Profibühnen auch als Projektpartner auf. Durch die Universität bzw. die Theaterakademie findet eine wissenschaftliche Begleitung und Auswertung des Theater-Modells am Pirckheimer-Gymnasium statt, wodurch sich Verbesserungsansätze für die Praxis ergeben. Zudem sorgen diese Institutionen auch für die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte.

Theater realisiert sich endgültig erst in einer – wie auch immer gearteten – Aufführung. Theater benötigt den Zuschauer, sonst findet kein Theater statt. Das gilt natürlich auch für die Theaterneulinge in den Ganztagesklassen. Denkbar sind Werkstattpräsentationen oder kleinere Aufführungen vor den Eltern oder der Parallelklasse. Möglich sind auch kurze Präsentationen am Informationstag für die zukünftigen Fünftklässler, am Tag der offenen Tür oder an speziellen Informationsabenden zum Ganztagesbetrieb.

Einen Überblick über die Bestandteile des Theater-Modells bietet der Jahresplan für Theaterklassen in den Jahrgangsstufen 5-6. Eine Benotung findet in der Regel nicht statt. Die Teilnahme wird aber durch eine geeignete Zeugnisbemerkung bescheinigt.

Das Pirckheimer-Gymnasium Nürnberg möchte mit seinem Modell „Ganz Theater“ sein modernes Konzept der gymnasialen Allgemeinbildung um eine entscheidende Facette erweitern und ein lohnendes Angebot unterbreiten, wie Heranwachsende in der Schule Kultur am und mit dem eigenen Leib erleben können. Mit der Verankerung des Theatermodells im Rahmen des gebundenen Ganztages soll sowohl auf gesellschaftspolitische als auch auf bildungspolitisch-pädagogische Herausforderungen reagiert werden. Durch „Ganz Theater“ wird nicht nur ein wesentlicher Beitrag zur ganzheitlichen Bildung und damit zur Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden geleistet, sondern auch eine Form der ästhetischen Bildung fest in die Lebenswelt der Schüler integriert. Dabei sollen die sich bietenden Synergieeffekte in Nürnberg genutzt und eine breite Vernetzung erreicht werden. Das Pirckheimer-Gymnasium stellt dabei ein kulturelles Zentrum im Süden Nürnbergs dar, das auf die Stadt und den Bezirk Mittelfranken ausstrahlt.

 Weiterführende Informationen auf der Website des Verband „Theater am Gymnasium in Bayern“